DOSIERUNG
#01
headliner

Anxiety
Mein aller erster Track von T-low. Ich weiß absolut nicht mehr wo ich war, aber das Gefühl das ich beim ersten Mal zuhören hatte, ist bis heute unvergesslich: Es war als hätte jemand meinen Schmerz genommen, auf einen Beat gepackt und ihn der Welt vor die Füße geworfen.
Ich hab genug von all dem Scheiß, ich popp ‘ne Xan und hau rein
Ich hab das alles so gewollt, doch jetzt sagt mein Kopf mir nein
I’m so happy cause today I found my friends, They’re in my head,
I’m so ugly, that’s okay, cause so are you
Derselbe Schmerz. Dieselbe chemische Flucht vor einer Realität, die alternativlos und leer erscheint. Cobain: Heroin täglich ab Herbst ‘91. T-Low: 15 Tabletten Xanax am Tag, ein wandelndes Benzo-Testament. “Deine besten Songs hast du auf 13, 14 Pillen gemacht, komplett fucked up, wo das Leben nicht nice war.” Droge und Song - irgendwann kein Unterschied mehr.
Dann der Durchbruch, und die Welt zeigt, wie pervers sie ist. Nevermind explodiert, dröhnt in grell beleuchteten Shopping Malls, sein Stil landet auf T-Shirts aus der Fast-Fashion-Hölle, die Message komplett ignoriert. 20 Jahre später: Ordentlich geht viral. T-Lows Kommentar: “Ordentlich ist mein beschissenster Song.”
Zwei Typen, überrollt vom falschen Hype. Der falsche Track, konsumiert von Leuten, die sie nie erreichen wollten. Und trotzdem: der Startschuss.
Am Ende bleibt nur ein Frage im Raum stehen: Wie klingt die Kunst, wenn die Chemie weg ist und das Leben aufhört, wehzutun?
TeamSpeak, Audacity, $uicideboy$
Thilo Panje fängt mit 16 an. Kein Studio, kein Label, kein Plan. Er rappt auf TeamSpeak auf $uicideboy$-Beats weil es keinen anderen Ort gibt. Das abrissreife Haus seines Vaters ist sein erstes Studio.
So sad wie es klingt, deine besten Songs hast du auf 13, 14 Pillen gemacht.
Der falsche Song zur richtigen Zeit
Ordentlich war ein Lückenfueller. TikTok hat ihn zum Hit gemacht. T-Low hat ihn danach als seinen beschissensten Song bezeichnet.
Ordentlich ist mein beschissenster Song.
Clean. Comeback. Ende offen.
T-Low hat im Januar 2025 sein Karriereende angekündigt - "I'm out." Im November 2025 kurzes Comeback mit dem Album Real Music. 2026 wieder Rückzug, diesmal auf unbestimmte Zeit.
Macloud eine absolute Ikone im Rapgame - jemand der andere jahrelang klingen lassen hat wie sie wollten. Egal ob T-Low, Apache 207, Cro oder Bausa - er hat ihre Emotionen in Beats gegoßen, ihre Schmerzen in Books verpackt und die Geschichten mit Synthesizern untermalt. Der Producer-Tag Miksu! Macloud! Was fürn Beat! ist das Gütesiegel für einen halben Katalog des deutschen Rap der letzten zehn Jahre. Und dann macht er ein Album für sich selbst.
Laurin Auth, 1988 in Essen geboren, aufgewachsen in Altenessen, hat 2011 sein erstes Mixtape rausgebracht. 2 the fullest. Man konnte es hören - ein Typ der sein Herz in eine EP packt bevor er weiss ob das irgendjemanden interessiert. Danach folgten zwei weitere Mixtapes, dann der Schwenk zur Produktion, dann der Aufstieg mit Miksu zum erfolgreichsten Produzenten-Duo im deutschen Rap. Die Musik für andere hat funktioniert. Die eigene blieb in der Schublade. So viele scheiss Stories in der Schublade liegen - sein eigener Satz, aus dem ersten Track seines Debütalbums. Vierzehn Jahre nach dem ersten Release.
Irgendwann ist die Party zu Ende heisst das Album. Es ist kein Producer-Album. Keine Beats mit Gästen. Keine Visitenkarte für die nächste Zusammenarbeit. Macloud selbst hat es sein Album über das Sein genannt - Angst, Einsamkeit, die Vergänglichkeit von Erfolg.
- RAUS HIERMACLOUD
- WEISSES RAUSCHENMACLOUD
- STARSMACLOUD
- GESTERNMACLOUD
- SEHNSUCHTMIKSU / MACLOUD & T-LOW

KILL YOURSELF PT. III
2014. New Orleans. Zwei Cousins. Kein Label, kein Studio, kein Plan. Ruby da Cherry hat zwölf Jahre lang Punk gespielt bevor er das Format gewechselt hat. $crim produziert unter dem Namen Budd Dwyer - benannt nach einem pennsylvanischen Staatspolitiker der sich 1987 live vor laufenden Kameras erschossen hat. Das ist kein Alias. Das steht als Producer-Credit auf jedem Release seitdem.
Zwischen 2014 und 2015 erscheinen zehn EPs. Kill Yourself Part I bis X. Alle auf SoundCloud. Alle ohne Label. Keine Struktur, keine Strategie. Frequenz als Überlebensstrategie. Part III heißt The Budd Dwyer Saga. Drei Tracks: 100 Blunts. Smoked Out, Loced Out. Heavily Medicated.
T-Low hat auf einem $uicideboys-Beat angefangen.
Der bekannteste Song der Serie heißt Kill Yourself (Part III). 808 Millionen Streams auf Spotify. Gold-zertifiziert. Er ist nicht auf Part III.
Freitag. Das KÖŞK-Festival in Duisburg. Ich komme an, Trop und Shorty 5 bereits am performen - am Ende steh ich first row und bin zu jedem ihrer Tracks abgegangen ohne zu wissen wer die da auf der Bühne eigentlich sind.
Und genau deshalb packen wir sie in die erste Ausgabe. Weil das der einzige Ort ist der zu ihnen passt: first row, lange bevor der Rest weiß wer sie sind.
Trop kommt aus Duisburg, meiner Heimatstadt. Shorty 5 aus Mülheim. Ihr gemeinsames Debüt: Pottkind. Eine Single aus der mittlerweile ein ganzes Movement entstanden ist - eines das regelmäßig Events wie das NRWiTA veranstaltet, Künstlern ausm Pott Bühne gibt und nebenbei eine gottlos geile Zeit garantiert.
Beide sind zusammen das Kollektiv das derzeit am konsequentesten formuliert was Rap aus dem Westen bedeuten kann. Keine Berliner Kopie. Kein Münchner Hochglanz. Sondern etwas das klingt wie Plattenbau, Industriebrache und Tanzfläche gleichzeitig.
“fuck genres”— Trop

FIRST ROW
AUSGABE 001

NRWiTA EP
2026

TROP & motze8000
AUSGABE 001